Zorno.de ist die Gedanken-Sammlung von Christian Rothe, Marketing-Berater: "Bei mir finden Sie Rat und Tat in Marketingfragen. |
Einzelnen Tagebucheintrag lesenAuf dem absteigenden Ast: Die Zukunft des Fachhandels (Teil 2)Mittwoch, 31. Mai 2006 - 11:12 Uhr "Was wird aus dem Fachhandel?" - diese Frage beschäftigt mich weiterhin. Hier lesen Sie meine ausführlichen Gedanken zu meinen Trendthesen 3 bis 5:
Die Diskussion der ersten beiden Trends konnten Sie bereits hier in meinem Marketing-Tagebuch lesen. Trend 3: Beratung wird kostenpflichtigIch sehe die Kundenberatung durch einen Verkäufer aus Fleisch und Blut auf dem Rückzug. Online-Verkauf und Mager-Läden treiben diese Entwicklung an. In manchen Branchen wird Kundenberatung deshalb nur noch gegen Aufpreis zu haben sein. Die Reisebranche zeigt wie es geht: Sie können Ihr Lufthansa-Flugticket wie eh und je im Reisebüro kaufen - allerdings ist es dort teurer als auf der Internetseite der Fluggesellschaft. Das Reisebüro schlägt eine Gebühr für seine Beratungsleistung auf. Dieses Modell wird auf Branchen übergreifen, in denen wir heute im Handel noch "Beratung-inklusive"-Preise bezahlen. Ich könnte mir vorstellen, dass Kunden sogar aktiv die Frage stellen: "Welchen Preis muss ich bezahlen, wenn ich auf Beratung verzichte?" Letztlich bedeutet dies, dass sich die Kunden darauf einstellen (müssen), dass Beratung als eigenständige Serviceleistung gesehen wird, die aus dem Gesamtangebotspaket herausgelöst wird und die extra zu bezahlen ist. Ich warte nur darauf, dass erste Hinweistafeln in den Einzelhandelsgeschäften auftauchen: "Bei uns können Sie zu günstigen Preisen kaufen, weil wir auf Beratung verzichten. Sollten Sie dennoch beraten werden wollen, steht Ihnen unser Spezialist Claus Clever für ein Gespräch zur Verfügung - für € 1,22 pro Minute." Die Kundschaft wird lernen (müssen), abzuwägen: "Bevorzuge ich den Kauf ohne Beratung zum Sparpreis - auch wenn ich dabei das Risiko eines Fehlkaufes eingehe? Oder gehe ich lieber auf Nummer Sicher und investiere einige Euro in Beratung?" Trend 4: Die Handelskette wird kürzer: Händler werden zu HerstellernIm Handel der Zukunft wird sich die Zahl der Handelsstufen verringern: Einerseits werden Hersteller zu Direktvermarkter; andererseits lassen immer Händler Waren in eigenem Auftrag und nach eigenen Vorgaben fertigen. Beispielsweise im Fahrrad-Handel war dieser Wechsel besonders deutlich sichtbar: Große Versandhändler wie Brügelmann, Rose oder Radsport Arnold verkauften vor 10 Jahren die Räder bekannter Marken wie Merckx, Colnago, Scott etc. Heute sind diese Marken komplett aus dem Sortiment verschwunden und durch Eigenmarken ersetzt: Barellia (Brügelmann), Red Bull (Rose) und Canyon (Radsport Arnold) heißen heute die Räder der Versender. Dabei sind die Händler sogar dazu übergangen, auch das komplette Zubehörsortiment (Laufräder, Sattelstützen, Lenker etc.) mit eigenen Produkten abzudecken. Die Auftragsproduktion von Waren mit eigenem Etikett ist nicht auf große Händler beschränkt: Ein schwäbischer eBay-Powerseller, den ich neulich bei der Optimierung seiner Artikelbeschreibungen beraten habe, verfolgt dasselbe Konzept und lässt speziell für sein eBay-Geschäft Elektronikartikel in China fertigen. Anders könnte er gegen seine Konkurrenz nicht mehr bestehen. Trend 5: Das Internet wird zum SpezialitätenladenMager-Läden, Eigenmarken ändern die Spielregeln: Der einstige Preisvorteil des Internet-Handels schmilzt; der stationäre Handel bleibt im Geschäft mit gängigen Massenartikeln wettbewerbsfähig. Dass man die Ware sofort mitnehmen kann und die Gelegenheit zum "nachdrücklichen Reklamieren" im Problemfall sind Pluspunkte, denen die Online-Anbieter fast nichts entgegensetzen können. Damit wird der stationäre Einzelhandel weiter den größten Teil des Massenbedarfes decken - und nicht der Online-Handel. Als Folge werden die Online-Händler immer mehr in Nischenmärkte ausweichen (müssen), die für die stationären Händler nicht interessant sind: Produkte, für die es im "normalen" regionalen Umkreis eines Ladengeschäftes (z.B. 30 km) nicht ausreichend Kunden gibt. Diese Marktnischen können hochprofitabel sein, z.B. im Hobby- und Freizeitbereich. Die Baden-Badener Sakkara GmbH führt vor, wie man solche Geschäftschancen nutzt: Das Unternehmen hat sich im Netz als einer der größten Versender von Bauchtanz-Artikeln etabliert. AntwortenHallo Herr Zorno, vor kurzem wollte ich mir einen LCD-Fernseher in einem bekannten Elektronikfachmarkt kaufen, nachdem ich mich selbst via Internet kundig machte. Will sagen, ich wusste genau was ich wollte und "drohte mit Abschluss". Ich war bereit, für dieses Gerät ein paar tausend Euro zu investieren, nebst einer Heimkino-Surroundanlage, um die ich mich allerdings noch nicht gekümmert hatte. Da ich bereits im Internet über den LCD-Fernseher recherchiert hatte, war mir klar, dass dieses Gerät übers Internet nahezu 700 Euro günstiger zu bekommen ist.
Jörg Zoller [ Von: Jörg Zoller am 05.06.06 um 01:27 Uhr ] Herr Zoller, vielen Dank für dieses schöne Einkaufs-Beispiel aus dem praktischen Leben. Es unterstreicht meine Grundsatzfragen: - Wie viel FACH steckt heute noch im so genannten Fach-Handel?
Oder in anderen Worten: Wie lange wird es noch gutgehen, dass der Handel für Beratung kassiert, die diesen Namen nicht verdient? [ Von: Max Zorno am 06.06.06 um 12:26 Uhr ] Herr Zorno: Ich denke, dass der "Fachhandel" schon jetzt stark gebeutelt ist und es genauso weitergehen wird. Der "Magerhandel" wird derzeit ja noch von keinem wirklich gut praktiziert (auch Ihre Beispiele wie Praktiker sind noch weit vom "echten" Magerhandel entfernt), wird aber noch stärker kommen. Die dauerhaften 20%-Wochen bei Praktiker sprechen ja schon dafür. Das Problem der Beratung im "Fach"-Handel: Die "Beratung" (heißt Informationsmöglichkeit und Bewertung) ist im Internet meist erheblich besser, als vor Ort. Der Grund dafür, ist die zu Verfügung stehende Information aus Tausenden Websites mit Erfahrungen und Meinungen zur Produkten, Produktlinien und deren Einsatzbereichen. Im Laden kann der Käufer die Aussage eines Verkäufers nicht validieren - im Internet hat er wenigstens die Chance dazu. Auch der "Vorteil", den Laden um die Ecke zu haben, sehe ich leider nicht (mehr). Die Paketdienste sind schnell, holen auch ab und die Lager der Versender sind größer als die der Händler vor Ort - binnen 48 Stunden habe ich ohne Murren mein Ersatzgerät. Und ein weiterer Vorteil: Durch die Gesetzeslage (Fernabsatzgesetz) ist ein Kauf im Internet auch besonders geschützt, was bei Reklamationen und Umtausch noch weitere Vorteile bringt. Einziger Nachteil im Internet ist die höhere Wahrscheinlichkeit eines Betrugs - aber das wird über kurz oder lang auch noch weiter minimiert werden. [ Von: Jörg Dennis Krüger am 07.06.06 um 11:10 Uhr ] hallo, Also wir haben auch ein Computergeschäft und bei uns ist die Beratung sehr im Vordergrund d.h. wir Beraten mehr als wir verkaufen. Das ist nunmal leider so in Deutschland wenn man hier noch bestehen will. Sicher verkaufen viele Internethändler die Ware billiger als Geiz&Co, aber auch die Internetpreise kann ich als Fachhändler bieten, man muss nur gut Einkaufen bzw. nicht zu faul sein mal bei seinen Großhändlern zu vergleichen.Grade im IT Geschäft fällt es dem Kunden schwer mit der Masse an Angeboten klarzukommen. Wir können doch auch nicht verlangen das der Kunde im Internet recherchiert wenn er noch kein Internet bzw. noch keinen PC hat.Darum, wer Erfolg haben will, muss einfach Beraten, empfehlen und dann darf er Verkaufen.Wer nur Ware verschleudert wird bzw muss irgendwann zumachen. Übrigens ist Geiz&Co kein richtiger Fachhandel, das sind in meinen Augen nur Überworbene Ramschbuden. [ Von: jens am 07.06.06 um 14:09 Uhr ] Einen weiteren Punkt *für* den Kauf im lokalen Fachhandel sollte man zumindest erwähnen: Datenschutz. Bei Bestellung im Netz hinterläßt man immer eine Datenspur und wird so zum gläsernen Kunden. Z.B. muss man fast überall eine Schufa-Erklärung unterzeichnen bzw. ihr zustimmen. Und damit unmittelbar zusammenhängend: handel im Netz fördert die Zweiklassenkundschaft. Alle, die kein Internet haben (doch, die gibt's) oder eine schlechte Schufa bleiben draußen. Und die Vielfalt im Netz ist auch nicht sooo groß: Ebay z.B. ist defakto Monopolist bei den Onlineversteigerern. [ Von: Tomas B. am 07.06.06 um 21:13 Uhr ] Ein sehr interessantes Thema und die von Zorno aufgezeigten verschiedenen Möglichkeiten der Entwicklung in der Zukunft sind alle überaus schlüssig.
[ Von: Janine am 14.06.06 um 10:56 Uhr ] Ich möchte noch auf einen Aspekt des Einkaufens hinweisen:
Das bedeutet für alle Händler, sie müssen sich entscheiden in welche Welt wollen sie gehören. Luxus ohne intensive Information geht nicht und Aldi mit Beratung auch nicht. [ Von: Riccardo Sperrle am 22.08.06 um 10:51 Uhr ] Auf jeden Fall wird sich eine Entwicklung einstellen, die wir als Shopping 2.0 definieren können.
[ Von: Urlaubswerk am 18.12.07 um 19:05 Uhr ] Neue Antwort schreibenHinweis: Um hier etwas zu schreiben, muss in Ihrem Browser JavaScript aktiviert sein. Außerdem läuft hier ein Spamfilter: Wenn Ihr Kommentar nicht sofort erscheint, hat er sich darin verfangen und wird in den nächsten Stunden von mir freigelassen. Was nun als nächstes?
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