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Zornos Tagebuch

Einzelnen Tagebucheintrag lesen

Auf dem absteigenden Ast: Die Zukunft des Fachhandels (Teil 2)

Mittwoch, 31. Mai 2006 - 11:12 Uhr
Von Max Zorno

"Was wird aus dem Fachhandel?" - diese Frage beschäftigt mich weiterhin. Hier lesen Sie meine ausführlichen Gedanken zu meinen Trendthesen 3 bis 5:

  • Trend 1: Viele traditionelle Fachhandelsgeschäfte werden sterben
  • Trend 2: Der stationäre Verkauf lebt weiter - aber in zwei gänzlich anderen Ausprägungen als heute
  • Trend 3: Beratung wird kostenpflichtig
  • Trend 4: Die Handelskette wird kürzer: Händler werden zu Herstellern
  • Trend 5: Das Internet wird zum Spezialitätenladen

Die Diskussion der ersten beiden Trends konnten Sie bereits hier in meinem Marketing-Tagebuch lesen.

Trend 3: Beratung wird kostenpflichtig

Ich sehe die Kundenberatung durch einen Verkäufer aus Fleisch und Blut auf dem Rückzug. Online-Verkauf und Mager-Läden treiben diese Entwicklung an. In manchen Branchen wird Kundenberatung deshalb nur noch gegen Aufpreis zu haben sein.

Die Reisebranche zeigt wie es geht: Sie können Ihr Lufthansa-Flugticket wie eh und je im Reisebüro kaufen - allerdings ist es dort teurer als auf der Internetseite der Fluggesellschaft. Das Reisebüro schlägt eine Gebühr für seine Beratungsleistung auf.

Dieses Modell wird auf Branchen übergreifen, in denen wir heute im Handel noch "Beratung-inklusive"-Preise bezahlen. Ich könnte mir vorstellen, dass Kunden sogar aktiv die Frage stellen: "Welchen Preis muss ich bezahlen, wenn ich auf Beratung verzichte?"

Letztlich bedeutet dies, dass sich die Kunden darauf einstellen (müssen), dass Beratung als eigenständige Serviceleistung gesehen wird, die aus dem Gesamtangebotspaket herausgelöst wird und die extra zu bezahlen ist.

Ich warte nur darauf, dass erste Hinweistafeln in den Einzelhandelsgeschäften auftauchen: "Bei uns können Sie zu günstigen Preisen kaufen, weil wir auf Beratung verzichten. Sollten Sie dennoch beraten werden wollen, steht Ihnen unser Spezialist Claus Clever für ein Gespräch zur Verfügung - für € 1,22 pro Minute."

Die Kundschaft wird lernen (müssen), abzuwägen: "Bevorzuge ich den Kauf ohne Beratung zum Sparpreis - auch wenn ich dabei das Risiko eines Fehlkaufes eingehe? Oder gehe ich lieber auf Nummer Sicher und investiere einige Euro in Beratung?"

Trend 4: Die Handelskette wird kürzer: Händler werden zu Herstellern

Im Handel der Zukunft wird sich die Zahl der Handelsstufen verringern: Einerseits werden Hersteller zu Direktvermarkter; andererseits lassen immer Händler Waren in eigenem Auftrag und nach eigenen Vorgaben fertigen.

Beispielsweise im Fahrrad-Handel war dieser Wechsel besonders deutlich sichtbar: Große Versandhändler wie Brügelmann, Rose oder Radsport Arnold verkauften vor 10 Jahren die Räder bekannter Marken wie Merckx, Colnago, Scott etc. Heute sind diese Marken komplett aus dem Sortiment verschwunden und durch Eigenmarken ersetzt: Barellia (Brügelmann), Red Bull (Rose) und Canyon (Radsport Arnold) heißen heute die Räder der Versender. Dabei sind die Händler sogar dazu übergangen, auch das komplette Zubehörsortiment (Laufräder, Sattelstützen, Lenker etc.) mit eigenen Produkten abzudecken.

Die Auftragsproduktion von Waren mit eigenem Etikett ist nicht auf große Händler beschränkt: Ein schwäbischer eBay-Powerseller, den ich neulich bei der Optimierung seiner Artikelbeschreibungen beraten habe, verfolgt dasselbe Konzept und lässt speziell für sein eBay-Geschäft Elektronikartikel in China fertigen. Anders könnte er gegen seine Konkurrenz nicht mehr bestehen.

Trend 5: Das Internet wird zum Spezialitätenladen

Mager-Läden, Eigenmarken ändern die Spielregeln: Der einstige Preisvorteil des Internet-Handels schmilzt; der stationäre Handel bleibt im Geschäft mit gängigen Massenartikeln wettbewerbsfähig. Dass man die Ware sofort mitnehmen kann und die Gelegenheit zum "nachdrücklichen Reklamieren" im Problemfall sind Pluspunkte, denen die Online-Anbieter fast nichts entgegensetzen können. Damit wird der stationäre Einzelhandel weiter den größten Teil des Massenbedarfes decken - und nicht der Online-Handel.

Als Folge werden die Online-Händler immer mehr in Nischenmärkte ausweichen (müssen), die für die stationären Händler nicht interessant sind: Produkte, für die es im "normalen" regionalen Umkreis eines Ladengeschäftes (z.B. 30 km) nicht ausreichend Kunden gibt.

Diese Marktnischen können hochprofitabel sein, z.B. im Hobby- und Freizeitbereich. Die Baden-Badener Sakkara GmbH führt vor, wie man solche Geschäftschancen nutzt: Das Unternehmen hat sich im Netz als einer der größten Versender von Bauchtanz-Artikeln etabliert.

Antworten

Hallo Herr Zorno,

vor kurzem wollte ich mir einen LCD-Fernseher in einem bekannten Elektronikfachmarkt kaufen, nachdem ich mich selbst via Internet kundig machte. Will sagen, ich wusste genau was ich wollte und "drohte mit Abschluss". Ich war bereit, für dieses Gerät ein paar tausend Euro zu investieren, nebst einer Heimkino-Surroundanlage, um die ich mich allerdings noch nicht gekümmert hatte. Da ich bereits im Internet über den LCD-Fernseher recherchiert hatte, war mir klar, dass dieses Gerät übers Internet nahezu 700 Euro günstiger zu bekommen ist.
Da sich der Fachmarkt um die Ecke "Geiz" aufs Banner geschrieben hat und diesen ebenso "geil" findet wie ich, waren meine Erwartungen entsprechend hoch. Ich war gespannt auf das Verkaufsgespräch. Dieses suchte ich eigentlich auch nur deshalb, da ich mir vom Standortvorteil des Marktes um die Ecke einiges mehr an Service versprach (Beratung, Ansprechpartner im Garantiefall, ...). Diesen Mehrwert wäre ich sogar bereit gewesen zu bezahlen, allerdings nicht im Rahmen von 700 Euro. Ich dachte, mal sehen was geschieht, vor allem da ich dem Verkäufer mit der Surroundanlage noch einen Cross-Selling-Ansatz geboten habe, ...spielte sogar mit dem Gedanken noch ne XBox360 mitzunehmen.
Das Ergebnis war haarsträubend! Und da ichs nicht glauben wollte, bin ich mehr als drei mal in das Geschäft gegangen, jeweils zu einem anderen Verkäufer. Doch immer wieder dasselbe.
Ich stand vor dem Gerät mit verträumtem Blick, deutete darauf und sagte als ob ich von nichts eine Ahnung hätte: "Will haben! Was kann denn das?"
Von Vorteil für die Verkäufer waren die kleinen teils bunten Schildchen mit den Preisen und einigen Geräteangaben, die mir dann auch fleissig vorgelesen wurden. Die Gespräche sahen dann so aus:
Ich: "Aha, da steht HD-Ready", V: "Ja, der ist HD-Ready.". Ich: "Dann ist das Bild doch besser oder?", V: "Ja, das ist dann besser." Ich: "Das ist aber toll!", V: "Jaja, das ist es.".
Gut, ich hätte offene Fragen stellen können, bin halt manchmal gemein. Dann offenbarte ich mich und wies daraufhin, dass das Gerät im Internet für 700 Euro günstiger angeboten wird. Spontane Antwort: "Ja, das ist bei allen Geräten so, die Sie übers Internet bestellen!". Ich: "Kann man da nix machen, will ja noch eine Surroundanlage?", V: "Leider nein, das Gerät wird sehr stark nachgefragt.".
Aufgrund dieser Gespräche ist mir bis heute nicht klar, weshalb ich in diesem Fachgeschäft hätte einkaufen sollen, wo der Mehrwert versteckt lag und wofür ich 700 Euro hätte mehr bezahlen müssen.

Liebe Grüße

Jörg Zoller

[ Von: Jörg Zoller am 05.06.06 um 01:27 Uhr ]

Herr Zoller, vielen Dank für dieses schöne Einkaufs-Beispiel aus dem praktischen Leben. Es unterstreicht meine Grundsatzfragen:

- Wie viel FACH steckt heute noch im so genannten Fach-Handel?
- Wie sehr ist der Fach-Handel seinen Preisaufschlag noch wert?

Oder in anderen Worten: Wie lange wird es noch gutgehen, dass der Handel für Beratung kassiert, die diesen Namen nicht verdient?

[ Von: Max Zorno am 06.06.06 um 12:26 Uhr ]

Herr Zorno: Ich denke, dass der "Fachhandel" schon jetzt stark gebeutelt ist und es genauso weitergehen wird. Der "Magerhandel" wird derzeit ja noch von keinem wirklich gut praktiziert (auch Ihre Beispiele wie Praktiker sind noch weit vom "echten" Magerhandel entfernt), wird aber noch stärker kommen. Die dauerhaften 20%-Wochen bei Praktiker sprechen ja schon dafür.

Das Problem der Beratung im "Fach"-Handel: Die "Beratung" (heißt Informationsmöglichkeit und Bewertung) ist im Internet meist erheblich besser, als vor Ort. Der Grund dafür, ist die zu Verfügung stehende Information aus Tausenden Websites mit Erfahrungen und Meinungen zur Produkten, Produktlinien und deren Einsatzbereichen. Im Laden kann der Käufer die Aussage eines Verkäufers nicht validieren - im Internet hat er wenigstens die Chance dazu.

Auch der "Vorteil", den Laden um die Ecke zu haben, sehe ich leider nicht (mehr). Die Paketdienste sind schnell, holen auch ab und die Lager der Versender sind größer als die der Händler vor Ort - binnen 48 Stunden habe ich ohne Murren mein Ersatzgerät. Und ein weiterer Vorteil: Durch die Gesetzeslage (Fernabsatzgesetz) ist ein Kauf im Internet auch besonders geschützt, was bei Reklamationen und Umtausch noch weitere Vorteile bringt.

Einziger Nachteil im Internet ist die höhere Wahrscheinlichkeit eines Betrugs - aber das wird über kurz oder lang auch noch weiter minimiert werden.

[ Von: Jörg Dennis Krüger am 07.06.06 um 11:10 Uhr ]

hallo,

Also wir haben auch ein Computergeschäft und bei uns ist die Beratung sehr im Vordergrund d.h. wir Beraten mehr als wir verkaufen. Das ist nunmal leider so in Deutschland wenn man hier noch bestehen will. Sicher verkaufen viele Internethändler die Ware billiger als Geiz&Co, aber auch die Internetpreise kann ich als Fachhändler bieten, man muss nur gut Einkaufen bzw. nicht zu faul sein mal bei seinen Großhändlern zu vergleichen.Grade im IT Geschäft fällt es dem Kunden schwer mit der Masse an Angeboten klarzukommen. Wir können doch auch nicht verlangen das der Kunde im Internet recherchiert wenn er noch kein Internet bzw. noch keinen PC hat.Darum, wer Erfolg haben will, muss einfach Beraten, empfehlen und dann darf er Verkaufen.Wer nur Ware verschleudert wird bzw muss irgendwann zumachen. Übrigens ist Geiz&Co kein richtiger Fachhandel, das sind in meinen Augen nur Überworbene Ramschbuden.

[ Von: jens am 07.06.06 um 14:09 Uhr ]

Einen weiteren Punkt *für* den Kauf im lokalen Fachhandel sollte man zumindest erwähnen: Datenschutz. Bei Bestellung im Netz hinterläßt man immer eine Datenspur und wird so zum gläsernen Kunden. Z.B. muss man fast überall eine Schufa-Erklärung unterzeichnen bzw. ihr zustimmen. Und damit unmittelbar zusammenhängend: handel im Netz fördert die Zweiklassenkundschaft. Alle, die kein Internet haben (doch, die gibt's) oder eine schlechte Schufa bleiben draußen. Und die Vielfalt im Netz ist auch nicht sooo groß: Ebay z.B. ist defakto Monopolist bei den Onlineversteigerern.

[ Von: Tomas B. am 07.06.06 um 21:13 Uhr ]

Ein sehr interessantes Thema und die von Zorno aufgezeigten verschiedenen Möglichkeiten der Entwicklung in der Zukunft sind alle überaus schlüssig.
Auch der Beitrag von Jörg Zoller löst in mir ähnliche Erinnerungen aus.
Im Grunde muss ich jedem Beitrag auf gewisse Art und Weise zustimmen.
Aber was wirklich nicht außer Acht gelassen werden darf: der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Ob dieser Zustand natürlich reicht den Fachhandel auf lange Sicht am Leben zu erhalten, entzieht sich meinen betriebswirtschaftlichen Kenntnissen, aber es bleibt ein wichtiger Aspekt. Sicher ist gerade die jüngere Generation immer vertrauter mit der Nutzung der Alternative "online-Bestellung" - aber auch ich möchte lieber in einen Laden gehen und es dort kaufen. Sei es wegen der Frage des Datenschutzes, die Thomas B. angesprochen hat, der Möglichkeit das begehrte Objekt vor dem Erwerb "besichtigen" zu können oder last but not least (mein Hauptargument) wegen der Reklamation (gerade bei Geräten, die 3 Jahre Garantie haben)!!
Wenn ich ihm "Geiz-Laden" oder "Bin-doch-nicht-blöd-Shop" etwas kaufen gehe, dann RECHNE ich heutzutage auch gar nicht mehr damit, dass ich einen fachlich komptetenten Verkäufer erwische (jaja, der Kunde ist lernfähig) - ich informiere mich vorher (aber andererseits tue ich das ja auch vor dem Abschluss einer Versicherung, damit ich auch die richtigen Fragen stellen kann und nicht völlig auf die Beratung angewiesen bin).
ABER: wenn ich einen Laden gefunden habe, in dem Service und Freundlichkeit noch groß geschrieben werden, dann gehe ich da auch immer wieder hin, nehme auch längere Anfahrten oder aber auch (in einem bestimmten Rahmen natürlich nur) höhere Preise in Kauf.
Es sollte bestimmt nicht unterschätzt werden, dass das vielen so geht.

[ Von: Janine am 14.06.06 um 10:56 Uhr ]

Ich möchte noch auf einen Aspekt des Einkaufens hinweisen:
Der Einkauf als emotionales und soziales Ereignis.
Es sind nicht nur die "technischen" Parameter wie Beratung und Know-How die eine Rolle spielen. Bei vielen Produkten möchte ich gerne das Gewünschte anfassen und fühlen. So zum Beispiel bei vielen Textilien. Auch das kurze oder manchmal lange Gespräch mit einem (vielleicht) unkundigen Verkäufer ist für viele Menschen einfach ein sozialer Kontakt, den sonst nicht mehr haben. Am Ende des Tages kaufen Menschen von Menschen. (Alter Verkäufer Weisheit)
Aus vielen Jahren Erfahrung im Vertrieb (offline und online) kann ich nur sagen, die erfolgreichsten sind diejenigen, die bei ihren potenziellen Kunden diese emotionale Ebene erreichen. Nichts desto trotz glaube ich auch, das wir eine Spaltung des Marktes in eine "Aldi" Welt und eine Luxus Welt erleben werden. Und zwar off- wie online.

Das bedeutet für alle Händler, sie müssen sich entscheiden in welche Welt wollen sie gehören. Luxus ohne intensive Information geht nicht und Aldi mit Beratung auch nicht.

[ Von: Riccardo Sperrle am 22.08.06 um 10:51 Uhr ]

Auf jeden Fall wird sich eine Entwicklung einstellen, die wir als Shopping 2.0 definieren können.
Mit dem Web 1.0 gab es die Aufgabenstellung, online Kaufprozesse korrekt abzubilden.
Im aktuellen Web 2.0 ist es Aufgabe, den Kaufprozess neu zu erfinden. Der triviale Produktabverkauf ist gelöst. Woots oder geschlossene Verkaufsaktionen wie buy vip gehen diesen Weg.

[ Von: Urlaubswerk am 18.12.07 um 19:05 Uhr ]

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