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Zornos Tagebuch

Einzelnen Tagebucheintrag lesen

Macht Bloggen uns alle blöd?

Dienstag, 26. April 2005 - 9:49 Uhr
Von Max Zorno

Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon leuchtend gelbe Warnaufkleber auf jedem PC: "Die EU-Gesundheitsminister warnen: Internetsurfen gefährdet Ihren Verstand." Spiegel Online berichtet von einer Studie des Psychiatrischen Instituts des King's College in London: Exzessive elektronische Kommunikation lässt den IQ-Wert um 10 Punkte sinken - und verblödet den Menschen demnach mehr als exzessives Marijuana-Rauchen (IQ-Abfall: ca. vier Punkte). "'Infomanie', die Informationssucht, beschädigt die Leistungsfähigkeit eines Menschen, indem sie dessen Scharfsinn schmälert", sagt Dr. Wilson, Autor der Studie. (vgl. Yahoo-News)

Stellt nicht das Blogging vor diesem Hintergrund eine ernste Gefahr dar? Schließlich sorgt es dafür, dass wir Tag für Tag mit noch mehr Informationen zugeschissen werden. Macht das Bloggen uns alle blöd?

Wer kann und will die ganzen Blogs noch lesen?

Bereits seit einer Zeit frage ich mich: Wie Schimmelpilze sprießen ständig neue Weblogs. Wer kann / will das noch alles lesen?

In meinem RSS-Leser glänzt z.B. das M-E-X-Blog mit über 15 Einträgen am Tag (21. April: 16 Einträge, 22. April: 19 Einträge). Andere Blogs wie ITW, VoWe.net & Co. bieten mir noch 5 bis 10 Einträge täglich. Und nach meinem Eindruck steigt die Schlagzahl dieser Blogger ständig an. Ich habe zwar "nur" 18 Feeds abonniert, bekomme aber so bis zu 100 Meldungen täglich. Ich gebe zu, dass mich dies allmählich überfordert - schließlich muss ich "nebenher" noch meine eigentliche Arbeit erledigen.

"Die Forschung legt nahe, dass wir Gefahr laufen, uns von einer 24-Stunden-Immer-Online-Gesellschaft in Gefangenschaft nehmen zu lassen", warnt David Smith von Hewlett-Packard, das die besagte Studie in Auftrag gegeben hatte.

Killt Verbale Inkontinenz das Bloggen?

Mir scheint, dass Verbale Inkontinenz die neue Volkskrankheit ist: Jeder, der sein Maul nicht halten kann, schreibt seine Ergüsse in ein Blog. (Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich schließe mich ausdrücklich ein).

Wenn die Blogger so weitermachen, schaufeln sie dem Blogging damit das eigene Grab. Niemand kann das mehr alles lesen. Als Selbstschutz bleibt dem Blog-Leser nur, den Blog-Konsum freiwillig zu begrenzen.

Prinzipien für die inhaltliche Führung eines Blogs?

Für Blog-Betreiber bedeutet dies: Sie müssen dem Leser einen guten Grund geben, ihr Blog zu lesen und die Zeit lieber bei anderen einzusparen. Es kann nicht darum gehen, tonnenweise unnütze Informationen bereitzustellen, die sich andere unter Verblödungsgefahr ins Hirn schaufeln können.

In diesem, meinem Zorno-Blog wende ich für die inhaltliche Führung folgende fünf Prinzipien an:

  • Inhaltliche Substanz: Biete mehr als nur mit Belanglosigkeiten.
  • Eigenständige Gedanken: Biete mehr als das Wiederkäuen von Themen aus fremden Quellen. Reichere Deine Blog durch Gedanken, Meinungen, Sichtweisen an, die ein Leser nur bei Dir findet und nirgendwo anders.
  • Relevanz: Schreibe über Dinge, die die Menschen beschäftigen.
  • Überraschungsvermögen: Überrasche deshalb Deine Leser immer wieder mit Themen und Gedanken, die sie bei Dir nicht erwartet hätten. Vorhersagbarkeit macht ein Blog langweilig.
  • Thematischer Fokus: Vermeide es aber, ein Gemischtwarenladen zu sein. Wähle für Deine Blog einen inhaltlichen Aufhänger und bleibe ihm treu.

Diese Prinzipien taugen bestimmt nicht dafür, sich einen maximal großen Leserkreis aufzubauen. Die Anzahl der Zorno-Leser ist für mich zweitrangig. Ich finde es wichtiger, dass mich ein Zirkel von Stammlesern schätzt und für wertvoll hält. Inwieweit mir dies gelingt, kann ich selbst kaum beurteilen. Aus E-Mails, Kommentaren und Verlinkungen wird nur eines ist klar: Zorno-Leser sind alles andere als verblödet.

Antworten

oweiah... ich darf Dein Blog nicht mehr lesen, denn *lacht mit seinen 3 verbleibenden Zahnstümpfen doof in die Kamera* vor so viel Bloggen hats mir meine letzten drei Zellen zerrissen :-)))

*hihihihi*

[ Von: Robert am 26.04.05 um 10:44 Uhr ]

Schön, das ich als Zorno-Leser nicht zu den Verblödeten gehöre :-) Noch mal Glück gehabt. (Ups, ich habe aber doch ein paar andere Blogs zu viel abonniert!?)

Zum Bloggen passt auch ein Tipp meines Vaters: "Einfach mal die Klappe halten." Ein weiser Mann...

[ Von: Frank Meyer am 26.04.05 um 17:40 Uhr ]

liest man sich kreuz und quer, per zufallsprinzip bücher und seiten gewählt, durch eine beliebige buchhandlung wäre der eindruck verbreiteter "verbaler inkontinenz" sicher ähnlich.
aber wer macht das schon.
blogs werden mit unterschiedlichsten motivationen geschrieben.
tagebuch, sammlung von fachlinks, eigenwerbeblogs usw.

wer sich das alles wahllos reinzieht dürfte die gleiche wirkung erreichen wie nach sekundenzappen durch 50 fernsehkanäle

blogs sind halt auch nur ein medium mit dem man als leser umgehen lernen muß; und auch nicht mehr

[ Von: Rolf Langhoff am 26.04.05 um 21:12 Uhr ]

>Niemand kann das mehr alles lesen.

niemand soll das alles lesen. aber jeder kann alles lesen. wer die wahl hat, hat die qual. willkommen im informationszeitalter.

[ Von: heiko hebig am 28.04.05 um 12:28 Uhr ]

Heiko, ich stimme Ihnen zu: "willkommen im informationszeitalter." Genau darin liegt ein aktuelles Problem: Immer mehr Marketing-Berater ziehen durch die Lande und empfehlen ihren Beratungskunden (Unternehmen), mit dem Bloggen zu beginnen. Vor dem Hintergrund der Informations-Überflusses stellen sich mir zwei Fragen:

1) Macht es für eine Firma Sinn, ein Blog zu eröffnen und damit den Informations-Überfluss weiter erhöhen? Hat eine Firma die relistische Chance mit einem Business-Blog Gehör zu finden?
2) Schafft es ein Firma dauerhaft, ein Qualitätsblog zu führen (vgl. meine obigen "Qualitätskriterien")?

[ Von: Max Zorno am 28.04.05 um 12:48 Uhr ]

in dieser frühen phase der blogs in deutschland überschneiden sich noch produzenten (schreiber) und konsumenten (leser) von blogs. wenn dann dank auch der angesprochenen marketing-berater die welle der ökonomisch motiviert und betriebenen blogs losgetreten ist, bekommt das eigene blog für viele leser eine andere funktion.
wie filtere ich mit techniken (rss, tagging, autofilter) aus der losbrechenden flut die für mich beruflich und/oder privat interessanten informationen. die kriterien für "interessant" sind dabei so unterschiedlich wie die leser.
und es wird auch leser geben (sic) die ihr blog als einen zettelkasten oder wiki führen, um für sich oder in arbeitsteiligen gruppen eine kanalisierung diese informationsmassen zu organisieren.
böse gesagt, spamfilter gegen cleveres marketing.
und wenn man glück hat, findet man ein blog mit ähnlichen "filterinteressen".
diese öffentlichen experimente in informations und wissensmanagement haben kaum den anspruch die welt durch geistreiche dialoge zu unterhalten; dafür gibts doch schon ausreichend nonsensblogs :-)

[ Von: rolf langhoff am 28.04.05 um 13:24 Uhr ]

früher:
"mann, siehst aus, als hätteste dein ganzes gehirn in holland verkifft!"
heute:
"und? wieder vorm block eingepennt?"

[ Von: 500beine am 28.04.05 um 14:47 Uhr ]

Die Informationsflut durch das Web mit allen seinen Spielarten (inkl. Blogs) ist natürlich riesig.

Andererseits bleibt durch diese Fülle und die (einfache) Funktionsweise des Webs mehr Zeit für den eigentlichen Konsum der Information im Vergleich zur Recherche. Das war im Zeitalter des Papiers doch anders.

Andererseits sorgt der einfache Zugang zu vielen Themengebieten aber auch für neue Interessensschwerpunkte, durch die der o.g. Zeitgewinn wieder beschnitten wird.

Fazit: der Tag ist damals wie heute gleich lang (q.e.d.), aber unter dem Strich steigt die Quantität der konsumierten Information an. Die Qualität allerdings nicht zwangsweise. Diese ist wiederum m.E. bei den vielen unterschiedlichen Interessensgebieten, Zielgruppeen etc. nur subjektiv einschätzbar.

Wo die Verblödung m.E. viel mehr zu Buche schlägt, ist auf Leser-Seite zu suchen (Foren etc.). Diese ist oftmals geprägt von purem, inhaltsleerem Dogmatismus (Bsp. Heise-Forum, Stichwort Linux vs. Windows). Je nach Zielgruppe/Inhalte auch ganz grausam: die Verkürzung der Sprache (*lol* *hdgdl* IMHO und Konsorten).

Achso, bevor ich es vergesse, aus dem aktuellen Newsletter des BSI:
STOERENFRIEDE: BSI raet zur Vorsicht beim Besuch von Weblogs

Ansteckende Kommentare
Eine grosse Zahl an Internetseiten weist mittlerweile Weblogs, also
"Online-Tagebuecher", auf. Darin rufen die Betreiber der Seiten
beispielsweise zur Diskussion aktueller Themen auf. Experten der
IT-Sicherheitsfirma Websense [ http://www.websense.de/ ] haben festgestellt, dass der Besuch von Weblogs immer mehr Risiken birgt. Programmierer von schaedlicher Software legen eigene Weblog-Seiten an, fuer die sie in populaeren Weblog-Verzeichnissen werben. Beim Besuch dieser Seiten werden die Nutzer dann allerdings z.B. mit Spyware infiziert. Das BSI empfiehlt daher dringend, vor dem Besuch von Weblogs Virenschutzsoftware und Firewall zu aktualisieren. In der "Werkzeugkiste" auf der Webseite von BSI-FUER-BUERGER [ http://www.bsi-fuer-buerger.de/toolbox/tools.htm ] finden Sie darueber hinaus Programme, mit denen Sie sich vor Spyware schuetzen koennen.

[ Von: Stefan am 28.04.05 um 16:50 Uhr ]

> Wenn die Blogger so weitermachen, schaufeln sie dem Blogging
> damit das eigene Grab. Niemand kann das mehr alles lesen. Als
> Selbstschutz bleibt dem Blog-Leser nur, den Blog-Konsum freiwillig
> zu begrenzen.

Als es nur 2 Sender (ARD,ZDF) gab, musste man sich entscheiden was man schaut. Durch Satelliten-TV und die "wie Schimmelpilze sprießenden" Privatsender wurde die Entscheidung nicht einfacher. Trotzdem kann ich selektieren und wenn ich möchte, nur ARD, ZDF, 3Sat, WDR, Arte, Phönix, NTV etc. (Liste nicht in dieser Reihenfolge und ohne Anspruch auf Richtigkeit/Vollständigkeit ;) schauen und muss mir nicht den gesammelten geistigen Abfall reinziehen. Ich könnte es aber. So wie ich mir auch Katzen- und Teenie-Blogs reinziehen kann, es aber nicht tue. Technologien wie Bloglines nehmen da einiges an Arbeit ab und die Entwicklung wird ja da nicht stehen bleiben. Es werden weitere "helfende" Anwendungen entstehen, die dem geplagten Leser die Selektion der gewünschten Informationskanäle erleichtern.

Danke für die "Prinzipien für die inhaltliche Führung eines Blogs", die mir sehr gut gefallen. Ich werde mir Mühe geben, diese auch zukünftig beim Bloggen zu berücksichtigen.

[ Von: Gabriel am 29.04.05 um 14:22 Uhr ]

Natürlich habt Ihr alle Recht, dass ich mir eigenverantwortlich aussuchen muss, welche und wie viele Informationen ich konsumieren möchte.

Aber wir haben es doch mit einer "gewachsenen Situation" zu tun. Nehmen wir das M-E-X-Blog: Ich lese es quasi von Anfang an seit Start vor 2 Jahren. Damals erschienen 2 bis 5 Einträge pro Tag, die mir sehr gefielen. Ich lernte die M-E-X-Schreiber wie z.B. Robert Basic sehr zu schätzen. Im vergangenen Jahr erhöhte das M-E-X-Blog seine Schlagzahl dramatisch und feuert heute täglich aus allen Rohren. Was soll ich nun tun? Einerseits lese ich dieses Blog weiterhin sehr gerne, also sollte ich ihm treu bleiben. Andererseits fühle ich mich von der Zahl der täglichen Einträge (bis zu 20) erschlagen. Ergo müsste ich das M-E-X-Blog ab sofort links liegen lassen, um mich selbst vorm "Information-Overkill" zu schützen. Jetzt frage ich Euch: Was soll ich tun, wenn ich den Rat beherzige "entscheide, was man schaut"?

Ich möchte die Frage des "Information-Overkill" gerne auch noch mal aus Sicht des Blog-Betreibers stellen: Was ist besser? Quantität oder Qualität? Viele Einträge in einem Blog, auch wenn sie manchmal nur durchschnittlich sind? Oder eher lieber weniger dafür aber sehr "gehaltvolle" Beiträge? Womit diene ich meinen Blog-Lesern am besten?

[ Von: Max Zorno am 29.04.05 um 21:48 Uhr ]

Ich verstehe was Du ansprichst, mir sind 20 und mehr Beiträge im Blog auch zu viel (egal von welcher Qualität). Es werden sich in nicht allzu ferner Zukunft im M-E-X Blog einige Veränderungen [ http://www.m-e-x.de/blog/index.php/archives/2005/04/18/mex-2/ ] ergeben (so der von Robert formulierte Plan): "Aus einem MEX Blog werden mehrere Fachblogs, die sich schwerpunktmäßig eines Themas annehmen. ... Vorteil für die Leserschaft: Man wird nicht mehr in einem Blog alle Themen querbeet finden, sondern kann sich gezielt seine Informationsnischen=Blogs herauspicken und andere Themengebiete dabei ausblenden, die einen nicht interessieren."

Das finde ich gut und richtig für's M-E-X-Blog, sicherlich wird es nicht nur Fans der Entscheidung geben, aber so ist das mit Veränderungen im Allgemeinen. Dem "information overkill"-geplagten Blog-Leser wird es jedoch helfen.

Zur Frage Qualität/Quantität: Ich wollte spontan mit "Qualität" antworten. Dann habe ich beim drüber Nachdenken aber beispielsweise an Blog-Kategorien wie "Entspannung" gedacht, die eben auch Ihre Daseinsberechtigung haben, und prädestiniert für nicht sooo gehaltvolle (aber für die Leserschaft u.U. dennoch wichtige) Beiträge sind. Meiner Meinung nach ist ein gesunder Mix ist der Schlüssel zur Blog-Leser-Zufriedenheit. Ansonsten könnte man ja auch ein Wiki etc. mit Fachartikeln vollstopfen (auch dort sind Diskussionen möglich). Ich denke nicht, dass ein Blog mit durchweg hochqualitativen Beiträgen keinen Erfolg in einer bestimmten Zielgruppe haben kann. Aber ich halte es nicht für sinnvoll bspw. 80% der Leser permanent zu überfordern und ein Abwandern zu "riskieren", es sei denn man gibt sich von vorn herein mit den restlichen 20% zufrieden, die genau das schätzen. Die Frage, was nun besser sei, lässt sich daher nur anhand der Ziele des jeweiligen Betreibers beantworten.

Um auf die Antwort zurückzukommen: im Durchschnitt Qualität ;)

[ Von: Gabriel am 30.04.05 um 11:01 Uhr ]

Mittlerweile ist es echt eine Last mit den ganzen Informationen mitzukommen. Da hilft dann auch der Feedreader nicht mehr viel wenn soviele Nachrichten einprasseln und die meisten davon einen nicht gross interiesseren, aber hin und wieder kommt in dem Feed halt doch mal eine ganz interessante Nachricht.

Bei uns an der Uni hat mich ein Bekannter mit in einen Test von einem neuen Dienst "geschleppt". Der Dienst macht eine echte Personalisierung von allen Möglichen Nachrichtenquellen.

Das schöne im Vergleich zu google news oder yahoo news ist einfach, dass ich schon jetzt sehr genau das bekomme was mich interessiert und das aus einer Quelle. Weiter hat mich sehr positiv überrascht, welche Sachen es noch gibt die ich nicht kannte, die mich aber sehr interessiert haben. Klar, wie soll ich auch den Feed xyz in meinen Feed Reader einbauen, wenn ich den Feed/die Webseite gar nicht kenne? Trotzdem kann mich doch die Nachricht von da interessieren.

Momentan wird wohl noch kräftig dran entwickelt, aber ich nutze es jetzt schon als eine Hauptquelle für Informationen (wenns mal nicht gerade offline ist).

[ Von: Katharina Seidel am 03.05.05 um 17:32 Uhr ]

Mein Blog ist die Antwort auf all diese Dinge, und der Name ist Programm. Gruss RB
www.liestjaehkeiner.de.tt

[ Von: Ray Banned am 27.09.06 um 23:56 Uhr ]

Also mein Blog is bestimmt nicht gesundheitsgefährdend. Im Gegenteil: Wer den liest, ist eh schon total abgedreht, deshalb kann es nur noch besser werden!

[ Von: blogfreak am 29.11.08 um 10:26 Uhr ]

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